Mit Demenz-Patienten kreativ umgehen

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26.10.2016

Im Umgang mit Demenzkranken ist Kreativität gefragt. Bei einem Klinikaufenthalt können private Dinge aus dem häuslichen Umfeld die Umstellung auf die neue Umgebung erleichtern. Das kann ein Bilderrahmen oder auch nur eine Parfümflasche sein. Foto: Christoph Gehret

Im Umgang mit Demenzkranken ist Kreativität gefragt. Bei einem Klinikaufenthalt können private Dinge aus dem häuslichen Umfeld die Umstellung auf die neue Umgebung erleichtern. Das kann ein Bilderrahmen oder auch nur eine Parfümflasche sein. Foto: Christoph Gehret

Die Referenten des Demenz-Fachsymposiums: (von links): Bettina Albert, Alexander Schraml, Anne Deschner, Joachim Stenzel, Ministerialdirigent Herwig Heide, Thomas Polak, Kerstin Wittmann, Angelika Kraus und Manfred Wendl. Foto: Daniela Thorwarth

Die Referenten des Demenz-Fachsymposiums: (von links): Bettina Albert, Alexander Schraml, Anne Deschner, Joachim Stenzel, Ministerialdirigent Herwig Heide, Thomas Polak, Kerstin Wittmann, Angelika Kraus und Manfred Wendl. Foto: Daniela Thorwarth


Ein Beitrag von Catharina Hettiger aus der Main-Post Ochsenfurt vom 22.10.2016:

 

Auf die immer wiederkehrende Frage „Hildegard – wo ist meine Frau?“ gibt es in der Realität von Herrn L. nur eine richtige Reaktion: Sie besteht darin, den Spruch zu zitieren, der auf dem Sterbebild seiner vor sieben Jahren verstorbenen Frau steht. Kaum hört Herr L. die ersten Worte, ergänzt er den Rest selbst – und erinnert sich so an die Tatsache, dass seine Frau nicht mehr lebt.

Herr L. ist 94 Jahre alt und dement. Er wohnt im Lindenhof, einer Wohngruppe der Würzburger Seniorenwohnanlage am Hubland. In den vergangenen Jahren musste er zweimal ins Krankenhaus. Den ersten Aufenthalt hat Angelika Kraus, Therapeutin am Lindenhof, in schlimmer Erinnerung. Als sie den 94-Jährigen kurz nach der geplanten Operation besuchen wollte, fand sie ihn panisch in seinem Bett vor – an Bauch und Händen fixiert, und nach einem ganzen Tag des Wartens noch nicht operiert.

Der Krankenhausverbund Klinik-Kompetenz-Bayern (KKB) hat Demenz in den Mittelpunkt seiner jährlichen Info-Woche gestellt. Denn: „Das Thema und die Frage, wie es pflegerisch und ärztlich zu bewältigen ist, bewegt uns am Krankenhaus sehr stark“, so Alexander Schraml, KKB-Vorstand und Geschäftsführer der Main-Klinik, bei der Eröffnung der Veranstaltung mit etwa 70 Teilnehmern aus verschiedensten Berufen.

„Komplexe Anforderungen treffen auf überlastetes Personal“

Welche Probleme mit der steigenden Zahl Demenzkranker in den Klinik-Alltag einziehen, erläuterte Joachim Stenzel. „Die Patienten werden nicht wegen, sondern mit Demenz aufgenommen, wir sind also keine Profis“, so der ärztliche Direktor der Main-Klinik Ochsenfurt. Stenzel berichtete von Unruhezuständen, Fluchttendenzen und Stürzen.

Dazu käme, dass eine aktive Mitarbeit von Demenzkranken nicht zu erwarten sei. Dies werde besonders schwierig, wenn es keine Angehörigen gebe, die Informationen zum Patienten geben könnten. Stenzels Fazit: „Komplexe Anforderungen treffen auf überlastetes Personal.“

Um Demenzkranken einen Krankenhausaufenthalt zu erleichtern, empfahl Bettina Albert, zuständig für die Überleitungspflege an der Main-Klinik, den Angehörigen eine gute Vorbereitung. Ein Biografie-Bogen, der vorher ausgefüllt wird, soll Informationsdefiziten vorbeugen.

Weitere Tipps der Gerontologin: „Geben Sie Ihrem Angehörigen Vertrautes mit – das Bild vom Nachttisch oder die Lieblingsdecke.“ Beim „Rooming In“ können man auch als Begleitperson ins Krankenhaus aufgenommen werden. „Verbringen Sie möglichst viel Zeit dort, um den Angehörigen zum Beispiel zu Untersuchungen zu begleiten.“

Im Fall von Herrn L., der keine Angehörigen hat, war es Angelika Kraus, die den zweiten Krankenhaus-Aufenthalt des 94-Jährigen vorbereitete. Die Lindenhof-Therapeutin begrüßt die Biografie-Bögen: „Der Mensch reagiert vor allem in der Demenz entsprechend der Summe dessen, was er erlebt hat – insbesondere in seiner Prägezeit.

Bei einem kurzen Krankenhausaufenthalt könne dies nicht in die Tiefe gehen, die essenzielle Frage sei aber: „Was ist existenziell wichtig, damit jemand nachts nicht auf den Gängen herumirrt?“ Ins Gepäck des Herrn L. legte Kraus auch eine dicke Mütze. Als 17-Jähriger Soldat in den Krieg eingezogen, überlebte Herr L. unter anderem sechs Jahre in Sibirien. Die kälteste Nacht dort habe minus 56 Grad Celsius betragen – ohne seine Mütze würde Herr L. auch im Krankenhaus nicht schlafen können.

Speziell geschulte „Demenzbeauftragte“

Viel Kreativität steckt in einem von Kraus ausgedachten Brief im Namen der Krankenkasse von Herrn L. Unter dem Betreff „Bescheinigung der Kostenübernahme“ wird der 94-Jährige darüber informiert, dass ihm ein „Genesungsgeld“ zusteht, das auch die Kosten für das Essen im Krankenhaus abdeckt.

Der Hintergrund: Da Herr L. elf Jahre seines Lebens als Soldat im Krieg verbrachte hatte, hatte er keine Ausbildung – und daher ein Leben lang Angst vor existenzieller Not. Während seines ersten Krankenhausaufenthalts wollte er weder essen noch trinken, „denn das habe er nicht bestellt“, erzählte Kraus. Beim zweiten Mal war Kraus vorbereitet und hinterlegte dem Personal den vermeintlichen Krankenkassen-Brief, die richtige Antwort auf Herrn L.‘s Frage nach seiner Frau sowie die Mütze.

Am Klinikum Amberg reagiert man mit speziell geschulten „Demenzbeauftragten“ auf die Problematik. Diese sollen das Thema auf ihrer Station in die Tiefe bringen, berichtete Kerstin Wittmann, Pflegedirektorin des Klinikums Amberg. Ein umfassendes Konzept beinhaltet unter anderem 14 Empfehlungen für die Pflege und Betreuung von Demenzpatienten.

„Gefühle werden nicht dement“

So wird das Personal für alltägliche Situationen geschult – und lernt zum Beispiel, dass man einem Demenzkranken zu dessen Sicherheit keinen heißen, sondern warmen Tee serviert. Wichtig sei auch, den Tag-Wach-Rhythmus der Patienten beizubehalten, so Wittman: „Dies funktioniert nur dank ehrenamtlicher Mitarbeiter“; im Klinik-Alltag sei der Mehraufwand für das Personal oft nicht zu leisten.

„Stellen Sie sich vor, eine Nachtschwester hat mehrere frisch operierte Patienten zu betreuen – und einen Demenzkranken mit Weglauftendenzen, der tagsüber lange geschlafen hat und nun wach ist.“ Da ein Krankenhausaufenthalt Demenz-Symptome verschlimmere, regt Wittmann an, für Betroffene verstärkt nach ambulanten Behandlungsmöglichkeiten zu suchen.

Die wissenschaftliche Seite des Themas deckte Thomas Polak ab. Der Leiter der AG Frühdiagnose von Demenzen am Universitätsklinikum Würzburg stellte unter anderem die wichtigsten Therapieansätze vor und betonte die Bedeutung von nicht-medikamentösen Therapien wie der Musiktherapie. Er verwies auch auf die Kosten, die die steigende Zahl von Demenzkranken für Kassen und die Volkswirtschaft bedeuteten.


In einem waren sich alle Referenten einig: „Demenz geht jeden an“, so Herwig Heide, Ministerialdirigent vom Bayerischen Gesundheitsministerium für Gesundheit und Pflege. „In Bayern leben heute 220 000 Menschen mit Demenz; die steigende Lebenserwartung wird für einen drastischen Anstieg sorgen.“ Heide betonte, dass Demenz enttabuisiert werden müsse: „Es ist eine Krankheit des Gehirns – nicht etwas, worüber man nicht spricht.“

Betroffene bräuchten unsere Hilfe, so der eindringliche Schluss-Appell von Lindenhof-Therapeutin Kraus. Denn: „Gefühle wie Angst, Panik oder Stolz werden nicht dement.“